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Zukunftskonferenz – Diskussion zur Stadtentwicklung

Von am 24. November 2017

„Im historischen Ambiente über die Zukunft der Stadt reden“ – laut Oberbürgermeister Jörg Röglin eine gute Verbindung, auch wenn das historische Ambiente im Wurzener Schlosskeller kaum ausreichte, um alle Interessierten unterzubringen. Rund 40 Wurzener – Gewerbetreibende, Händler, Stadträte, Vertreter von Vereinen und Verwaltung sowie interessierte Bürger – tauschten am vergangenen Dienstag ihre Ideen und Vorstellungen zur künftigen Entwicklung ihrer Stadt aus.

Ideen gab es einige, unter anderem von Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar, der schon beim Stadtspaziergang am 11. November interessierte Wurzener eingeladen hatte, ihre Stadt einmal aus anderen als den gewohnten Perspektiven zu sehen. Ein Wurzener Pfund, mit dem man wuchern könne, sei nach seiner Meinung auf jeden Fall die Verknüpfung mit der Mulde. Zudem solle man sich bei der Belebung der Innenstadt nicht nur auf den Handel verlassen, sondern sich bemühen, die Häuser „mit Geschichten des Gelingens zu füllen“. Ein kreativer Ansatz könne beispielsweise mit Blick auf die Wurzener Tradition der Tapetenherstellung eine Tapete „Handmade by Wurzen“ werden.

Einblicke in die Situation auf dem Wurzener Wohnungsmarkt gab WGW-Geschäftsführer Peter Sauer. In den letzten Jahren sei es gelungen, den prognostizierten Bevölkerungsrückgang aufzuhalten und sogar leichte Zuwächse zu erreichen. Ziel müsse es sein, junge Leute in die Stadt zu holen und dafür den nötigen Wohnraum bereitzustellen. Die WGW habe durch Verkauf von Wohneinheiten die Möglichkeiten geschaffen, durch Investitionen in die Bausubstanz neuen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Dies sei aber immer abhängig von der Bevölkerungsentwicklung, um nicht am Markt vorbei zu agieren.

Wichtig seien zudem alternative Wohnprojekte wie das in der Kantstraße, mit deren Hilfe man entsprechendes Klientel beispielsweise aus Leipzig nachziehen könne. Oberbürgermeister Jörg Röglin ergänzte, dass zunehmend auch Bauland für Eigenheimstandorte gefragt sei, hier will die Stadt in Zusammenarbeit mit den Kleingartenvereinen im Rahmen eines Kleingartenentwicklungskonzepts nicht mehr benötigte Gartenflächen für Bauwillige zur Verfügung stellen.

Nachfragen aus dem Publikum gab es zum Thema sozialer Wohnungsbau, damit die Mieten z. B. für Familien nicht zu hoch werden, hier gibt es laut Peter Sauer allerdings nur in den großen Städten entsprechende Fördergelder.

Zum Thema Handel gab Rita Fleischer, stellvertretende Geschäftsführerin der IHK zu Leipzig, Diskussionsanstöße. Die Kaufkraft betrage in Wurzen 89,3 % des bundesdeutschen Durchschnitts, die Verkaufsfläche läge jedoch über dem Durchschnitt. Die Lösung sei daher nicht eine Erhöhung der Verkaufsflächen, der Einzelhandel müsse sich stattdessen mehr konzentrieren. Zudem sei die Idealvorstellung, dass alleine der Einzelhandel eine Innenstadt erhalte, nicht mehr zeitgemäß. Man müsse überlegen, welche Frequenzbringer man in die Innenstadt holen könne, wie z. B. Gastronomie verschiedenster Art, leer stehende Läden könnten in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft als Dienstleistungs- oder Handwerksangebote belebt werden.

Jan Jentzsch als Vertreter der Innenstadthändler beklagte mangelnden Zusammenhalt und Uneinigkeit unter der Händlerschaft. Dabei habe Wurzen durchaus Potenzial, immerhin gebe es hier nach aktueller Zählung 173 Geschäfte. Dass es nicht nur Leerstand, sondern eigentlich viele Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt gebe, müsse, so auch Dr. Ulrich Heß, den Wurzenern besser bewusst gemacht werden.

Die Stadt habe, so Jörg Röglin, schon in der Vergangenheit nach Lösungen für das Leerstandsproblem gesucht. So habe man trotz heftiger Diskussionen den Umzug von Rossmann in den Außenbereich erfolgreich verhindert. Ein Projekt zum „Leerstandsboykott“, das man beim Städtewettbewerb „Ab in die Mitte“ eingereicht hatte, liege derzeit brach. Hier gehe es darum, Onlinehandel mit traditionellen Angeboten zu verknüpfen und „multiple Läden“ zu etablieren. Dafür brauche es jedoch Anlaufinvestitionen und die Händler müssten mit im Boot sein.

Den Vorschlag aus dem Publikum, einen Kreis von Interessierten zu bilden, der sich konkret mit der Umsetzung solcher Vorhaben beschäftigen könne, nahm der Oberbürgermeister gerne auf, Interessenten könnten sich an die Stadtverwaltung sowie an die Standortinitiative Wurzen & Wurzener Land wenden, die die Koordination übernehmen würden. Als Idee wurde zudem erörtert, ob man leer stehende Geschäfte nicht auch als Wohnraum umgestalten könne, z. B. als barrierefreies Wohnen im Erdgeschoss.

„Musik in den Laden“ brachte zum Abschluss der Diskussion Roland Krause, Schulleiter der Musikschule Muldental. Die Musikschule vermittle derzeit rund 700 Kindern aus Stadt und Umland musikalisches Wissen und Können. Daher sei eine gute Anbindung an den Wurzener Raum wichtige Voraussetzung.

Mit dem Vorhaben, die Musikschule künftig am Standort Wasserturm zu etablieren, schlage man sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Nähe zum Busbahnhof ermögliche es Kindern aus dem Umland, auf einfachem Weg in die Schule zu kommen, zudem erfahre der gesamte Platz dadurch eine Aufwertung. Diejenigen Eltern, die ihre Kinder mit dem Pkw zur Musikschule bringen würden, könnten „nebenbei“ während der Unterrichtszeit ihre Einkäufe erledigen und so zur Belebung der Innenstadt beitragen.

Wie Jörg Röglin ergänzte, sei das Projekt nicht unumstritten, diesen demokratischen Prozess müsse man jedoch aushalten. Profitieren könnten neben der Aufwertung des gesamten Platzes vor allem die Händler in der Martin-Luther-Straße.  Als zusätzlichen Impuls für die Innenstadt will die Verwaltung ab Januar 2018 direkt am Markt ein Bürgerbüro einrichten, auch dies ein Versuch, die Wurzener öfter ins Stadtzentrum zu bringen.

Die Diskussion um die Zukunft der Stadt soll Anfang 2018 in Zusammenarbeit von Stadtverwaltung und Standortinitiative Wurzen & Wurzener Land weitergeführt werden. Ideen und Anregungen dazu sind, so die Veranstalter, sehr willkommen.

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