Aktuell

Mit offenen Augen durch Wurzen spaziert

Von am 12. November 2017

Gleich zu Beginn des Stadtspaziergangs am Sonnabend stand ein schon lange und intensiv diskutiertes Thema auf dem Programm. Denn gemütlich ist es nicht gerade auf dem Freisitz vor dem Ristorante Pizzeria am Markt, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft ständig Autos ein- und ausfahren. Vorm Eiscafé Schönemann gegenüber ist ein Freisitz in Richtung Markt aufgrund der geringen Gehwegbreite und der anschließenden Parkbuchten erst gar nicht möglich, könnte aber nach Ansicht von Bertram Weisshaar durchaus das Geschäft beleben.

Veränderte Blickwinkel zeigen und Denkanstöße geben war das Ziel des Spaziergangsforschers, der im letzten Jahr in vielen Städten in ganz Deutschland unterwegs war und der Stadt Wurzen ein sehr gutes Zeugnis ausstellte. Es gebe hier noch vergleichsweise viele Ladengeschäfte und die Nachbarschaft zu Leipzig könnte sich positiv auf die Stadtentwicklung auswirken. Allerdings brauche es Ideen, wie man auf künftige Entwicklungen reagieren und die Stadt so umbauen könne, dass sie auch in Zukunft attraktiv für Bürger und Wirtschaft bleibe.

Neue Gedanken will man sich in Wurzen über das Parken, nicht nur auf dem Markt, ohnehin machen. Wie Manfred Bresk von der Stadtverwaltung informierte, soll die Arbeit am Entwurf des Parkplatzkonzeptes bis zum Frühjahr abgeschlossen sein, die notwendigen Erhebungen dafür seien bereits erledigt. Das Ergebnis ist derzeit noch völlig offen, das Konzept soll vor der Beschlussfassung noch öffentlich vorgestellt und diskutiert werden. Interessant ist, dass bereits im Vorfeld der Umgestaltung des Marktes 2005 eine Bürgerbefragung stattgefunden hat: Damals haben sich laut Manfred Bresk 90 % der Befragten dafür ausgesprochen, auf Parkplätze auf dem Markt ganz zu verzichten. Der Technische Ausschuss habe sich damals jedoch, noch unter dem ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Jürgen Schmidt, über den Bürgerwillen hinweggesetzt.

Dass man als Händler in der Wurzener Innenstadt durchaus erfolgreich sein kann, hörten die Spaziergänger von Optiker Röthig, der sein Geschäft in der Martin-Luther-Straße seit 1993 betreibt und von Jan Jentzsch vom Modetreff Heidi. Die Geschäftsstraße profitiere unter anderem von der Laufkundschaft, die zwischen Busbahnhof und Jacobsplatz/Markt unterwegs sei. Zum Erfolg trage auch das gute Parkplatzangebot bei, und das trotz der Gebührenpflicht!

Am Beispiel der Wagner Fenster GmbH wurde deutlich, was positive Entwicklungen in der Innenstadt hemmen kann. Knackpunkt ist der Um- und Ausbau eines Gebäudes, das als Wohn- und Gewerbeimmobilie genutzt werden soll. Über anderthalb Jahre und drei Anläufe habe es gekostet, so der Geschäftsinhaber, bis vom Bauordnungsamt beim Landkreis der Bauantrag genehmigt wurde und die Arbeitsweise der Behörde könne eigentlich nur als Versuch gewertet werden, Bauvorhaben zu blockieren. Oberbürgermeister Jörg Röglin bestätigte, dass so etwas nach den Erfahrungen der Stadt kein Einzelfall sei und der fehlende Dienstleistungsgedanke der Bauordnungsbehörde immer wieder für Probleme sorge.

Zum Thema Tourismus tauschte man sich am Domplatz aus, wo sich laut Bertram Weisshaar, der bereits vor 12 Jahren zum Stadtspaziergang in Wurzen war, einiges zum Positiven verändert habe. Gerlind Braunsdorf vom Ringelnatzverein berichtete über die Entstehung des Ringelnatzpfades und Planungen, den berühmten Sohn der Stadt noch stärker als Besuchermagnet zu etablieren. Pfarrer Alexander Wieckowski verwies auf die touristische Bedeutung von Dom und Kirchen für die Stadt.

Auf dem Weg durch die Wenceslaigasse stand die Wiederbelebung bzw. Umnutzung leer stehender Läden in der Diskussion mit durchaus kontroversen Ansichten zu Vor- und Nachteilen der Verbindung von stationärem Handel mit Online-Angeboten.

Letzte Station war das Geburtshaus von Joachim Ringelnatz, wo Viola Heß über die langjährigen und letztlich erfolgreichen Bemühungen berichtete, das stark sanierungsbedürftige Gemäuer als Kulturstätte zu erhalten und zu betreiben. Nachdem die Stadt als letzten Rettungsversuch schon vorhatte, das Haus zu verkaufen, hatte sich der Ringelnatzverein mit viel Einsatz für den Verbleib in städtischer Hand und den Betrieb des Hauses in Trägerschaft des Vereins stark gemacht. Letztendlich seien, so Oberbürgermeister Jörg Röglin, aus der Not heraus die Kräfte entstanden, die für den Erfolg des Projektes entscheidend waren. Mittlerweile finden, obwohl das Haus noch unsaniert ist, bereits rund 30 Veranstaltungen im Jahr hier statt, die regelmäßig sehr gut besucht sind. Die nötigen Gelder für die Sanierung stehen inzwischen im städtischen Haushalt, für Januar 2018 sind die Ausschreibungen für die Bauleistungen geplant, die Vergabe der Aufträge fürs Frühjahr.

Die Diskussion zur Zukunft der Stadt soll schon in Kürze weitergeführt werden. Am 21.11.2017 um 19:00 Uhr findet auf Einladung der Stadt Wurzen und der Standortinitiative Wurzen & Wurzener Land im Schloss Wurzen die Diskussionsveranstaltung „Zukunftschancen unserer Stadt und der Region“ statt, zu der alle Interessierten eingeladen sind. Themen sind unter anderem:

  • Wie entwickelt sich die Bevölkerung in Wurzen und in der Region?
  • Welche Wohnqualität können wir anbieten und entwickeln?
  • Sind wir gewappnet für ein wachsendes Interesse am Wohnen in der Stadt und im Wurzener Land?
  • Welche Beobachtungen und Ideen haben wir vom Stadtspaziergang mitgebracht?
  • Innenstadthandel – welche Erfahrungen und welche Probleme haben wir?
  • Parken: Welche Lösungen für die Innenstadt sind möglich?
  • Was bringt ein Projekt wie die Musikschule am Clara-Zetkin-Platz für die Aufwertung der Innenstadt?

Kommentar verfassen