Aktuell

Ausstellung lässt Widerstand gegen das Naziregime lebendig werden

Von am 23. Oktober 2017

Er wurde zum Welterfolg, Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Seit der Jahrtausendwende wurde er in vielen Ländern neu übersetzt noch einmal aufgelegt. In Deutschland erschien 2011 eine neue, am Original orientierte Ausgabe. Der Roman basiert auf dem authentischen Fall des Ehepaars Otto und Elise Hampel, das 1940 bis 1942 in Berlin Postkarten-Flugblätter gegen Hitler ausgelegt hatte und denunziert worden war. Beide wurden von den Nazis zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Fallada schrieb den Roman Ende 1946 in knapp vier Wochen; am 5. Februar 1947 starb er. Der Roman gilt als das erste Buch eines deutschen nicht-emigrierten Schriftstellers über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nach dem Roman entstanden fünf Verfilmungen. Seit dem 21. Oktober wird im Ringelnatz-Geburtshaus  in Wurzen eine Ausstellung zum Wirken und zur Geschichte von Otto und Elise Hampel gezeigt.

Ihr Leben lieferte keineswegs direkt die Vorlage für den Roman. Fallada selbst betonte, dass er sich von der Vorlage gelöst habe und keine Wirklichkeit berichte. Gerade das hat den Kurator und Erforscher der Originalbiografie des Ehepaars Hampel, den Bremer Christian Winterstein, gereizt. Er geht Brüchen und Gewissensentscheidungen im Leben der beiden gründlich nach, etwa ihrem ursprünglichen Engagement im Nationalsozialismus, ihren Zweifeln, ihrem Mut, ihren Ängsten, der Atmosphäre von Denunziation und Gewalt, der Tödlichkeit der Maschinerie der Gestapo, den Grenzen, ihr individuell standzuhalten.

Es gehe ihm nicht um politisch organisierten, sondern ganz privaten, zivilen Widerstand gegen das Naziregime, betont Winterstein. Um weghören oder nicht weghören, um Nachbarn und Abhängigkeiten, um Gewissen und Angst. Um Entscheidungen im eigenen Lebensumfeld, so, wie sie auch heute jeder zu treffen hat.

Der Joachim-Ringelnatz-Verein Wurzen hat keine Minute gezögert, diese Ausstellung kurzfristig im Geburtshaus von Joachim Ringelnatz zu zeigen. Auch deshalb, weil sich Ringelnatz selbst sehr klar gegen den Nationalsozialismus positionierte, Lauheit und Selbstbetrug in der Wahrnehmung des Hitlerregimes anprangerte und mit Auftrittsverbot belegt wurde. Seine Bilder wurden aus den Galerien entfernt. Der finanziellen Mittel für seine Existenz und die Erhaltung seiner Gesundheit beraubt, starb Ringelnatz 1934 an Tuberkulose.

Oberbürgermeister Jörg Röglin, der die Schirmherrschaft für die Ausstellung im Ringelnatzhaus übernommen hat, dankte im Rahmen der Vernissage am vergangenen Sonnabend den Organisatoren dafür, gerade jetzt die Erinnerung an das Wirken des Ehepaars Hampel in den öffentlichen Fokus zu rücken. Nicht zuletzt der Ausgang der Bundestagswahl habe gezeigt, dass auch in der heutigen Zeit viele Menschen glauben, dass die wichtigen Probleme unserer Gesellschaft nicht zu lösen seien, oder gar, dass Populisten die richtigen Lösungen dafür hätten. Das Beispiel der Hampels zeige, dass jeder Einzelne die Möglichkeit habe, selbst aktiv zu werden und Kritik zu äußern. Es brauche dafür nicht Macht und Einfluss, sondern nur den Mut dazu.

Die Ausstellung mit dem Titel „Karte bitte wandern lassen – die Hampels“ entstand aufgrund der Zusammenarbeit des Joachim-Ringelnatz-Vereins Wurzen mit der Hans-Fallada-Gesellschaft Carwitz und wurde in dieser Form eigens für den Ausstellungsort in Wurzen konzipiert. Sie ist bis zum 27.1.2018 zu sehen und zu allen Veranstaltungen im Ringelnatzhaus sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr zu besichtigen. Zeitgleich werden weitere Dokumente und Hintergründe im Fallada-Museum in Carwitz gezeigt. Die Stadt Wurzen unterstützte das Zustandekommen mit Mitteln aus der Kulturförderung.

Quelle: Pressemeldung Joachim-Ringelnatz-Verein Wurzen

Kommentar verfassen