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Wurzen will Schulamt outsourcen

Von am 14. Mai 2017

… zumindest was den arbeitsintensiven Teil der Organisation der Grundschulen betrifft. Wie aus einer Beratungsvorlage zur Sitzung des für die Schulnetzplanung der Stadt zuständigen Kulturausschusses hervorgeht, schlägt die Verwaltung vor, die Schulbezirke der drei Grundschulen der Kernstadt Wurzen aufzulösen und einen gemeinsamen Schulbezirk zu schaffen. In der Folge könnte die Stadt die Verantwortung für die Bildung der neuen ersten Klassen an die Schulleiter abgeben, die dann in Zusammenarbeit mit der sächsischen Bildungsagentur (SBA) die Verteilung der Schulanfänger auf die drei Wurzener Grundschulen übernehmen würden.

Grund für diesen Vorschlag der Verwaltung ist die von der SBA geforderte Verringerung der Anzahl der neu in der Wurzener Kernstadt zu bildenden ersten Klassen von bisher sechs auf künftig nur fünf. Um diese Forderung umzusetzen, hatten die Verantwortlichen bereits im laufenden Schuljahr versucht, die Grenzen der drei bestehenden Schulbezirke so zu verschieben, dass in einer der drei Grundschulen, nämlich der Diesterweg-GS, lediglich eine neue erste Klasse gebildet wird. Für die Aufnahme an einer Grundschule ist laut Schulgesetz der Hauptwohnsitz des Kindes im Schulbezirk entscheidend.

Das Ergebnis der Bemühungen jedoch ist eher niederschmetternd: Wie vorauszusehen war, haben viele Eltern wenig Verständnis dafür gezeigt, dass ihre Wohnstraße plötzlich in einem anderen Schulbezirk liegen sollte. Einige haben bei der SBA einen Antrag auf Aufnahme an einer anderen Schule gestellt, andere haben kurzerhand ihren Wohnsitz vorübergehend in eine Straße verlegt, die im gewünschten Schulbezirk liegt, ein in Wurzen seit Jahren praktiziertes und der Verwaltung bekanntes Vorgehen.

Im Ergebnis liegen in der Grundschule an der Sternwarte ca. 60 Anmeldungen vor,  in der Diesterweg-GS, wo nur eine neue Klasse erlaubt ist, sind dem Vernehmen nach ebenfalls deutlich mehr als 28 Kinder angemeldet worden. Beide Schulen müssen also Kinder ablehnen, trotzdem werden wohl die maximalen Klassenstärken von 28 Schülern erreicht. Eindeutig im Vorteil sind die Kinder, die das Glück haben, in der Ringelnatz-Grundschule eingeschult zu werden. Hier werden voraussichtlich zwei erste Klassen mit jeweils nur ca. 20 Schülern gebildet – bessere Lernbedingungen also, als in den anderen beiden Grundschulen.

Auch in den kommenden Jahren sind ähnliche Probleme vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass vorgesehen ist, jedes Jahr eine andere Grundschule einzügig zu führen, was immer wieder enorme Veränderungen der Schulbezirksgrenzen erfordern würde. Mit dieser Aufgabe dürfte der zuständige Fachbereich angesichts der in diesem Jahr gemachten Erfahrungen wahrscheinlich überfordert sein.

Verständlich also, dass die Verwaltung die Verantwortung für das Problem lieber an die Schulleiter abgeben will. Diese hätten in einem gemeinsamen Schulbezirk freie Hand bei der Zuordnung der Kinder auf die einzelnen Schulen, sollen aber seitens der Stadt Kriterien dafür vorgeschlagen bekommen. Die Wurzener Eltern hätten zwar auf dem Papier ein Wahlrecht, da sie ihre Kinder an der von ihnen gewünschten Schule anmelden können, Einfluss auf die Entscheidung zur Einschulung könnten sie aber nicht mehr nehmen.

Allerdings könnte die Bildung eines gemeinsamen Schulbezirks fatale Folgen haben. Zwar hat die Verwaltung ihrer Beratungsvorlage keine aktuelle Prognose der Schülerzahlen beigefügt, eine solche gibt es aber aus dem Jahr 2016, hier stand das Thema bereits im Juni auf der Tagesordnung des Stadtrats, wurde dann aber kurzfristig wieder abgesetzt. Aus der damals vorgelegten Schülerprognose (siehe Tabelle) geht hervor, dass die Verwaltung beispielsweise für das Einschulungsjahr 2018 bei prognostizierten 108 Schülern im Gesamtschulbezirk bei einem gesetzlich vorgegebenen Klassenteiler von 28 von 3,86 zu bildenden Klassen, also lediglich von vier neuen Klassenzügen ausgeht, diese hätten dann eine Klassenstärke von 27 Kindern. Bei Beibehaltung von drei Schulbezirken wäre bei gleicher Kinderzahl die Bildung von mindestens fünf Klassen mit je 22 Schülern möglich, ohne die Forderung der SBA nach Reduzierung der Klassenzüge wären sogar sechs Klassen mit dann je 18 Schülern denkbar. Ähnlich sehen die Zahlen in den folgenden vier Jahren aus, hier rechnet die Stadt lediglich im Jahr 2020 mit fünf Klassenzügen.

Zwar geht die Verwaltung abweichend von dieser Prognose jetzt laut eigenen Aussagen davon aus, mit Zustimmung der SBA auch bei Bildung eines Gesamtschulbezirks die Fünfzügigkeit erhalten zu können, eine entsprechende verbindliche Zusage der SBA liegt bisher jedoch nicht vor. Dem Bestreben der SBA, möglichst viele Klassen und damit Lehrer einzusparen und dem erklärten Ziel, durchschnittlich 25 Kinder pro Klasse einzuschulen, stünde dies wohl auch entgegen. Demgegenüber würde die Tatsache, dass künftig voraussichtlich in der Mehrzahl der Jahre nur noch vier erste Grundschulklassen in Wurzen eingerichtet werden könnten, die Diskussion um die Notwendigkeit eines dritten Grundschulstandortes erheblich vereinfachen.

Unklar ist, weshalb die Stadt das Problem nicht so lösen will, wie es zahlreiche andere Kommunen in ähnlicher Situation gelöst haben: Um einen Klassenzug einzusparen werden lediglich zwei bisher zweizügig geführte Schulbezirke zusammengeführt. Im Ergebnis entsteht ein größerer Schulbezirk, der dreizügig geführt wird, hier kann unter den beiden beteiligten Schulen entschieden werden, welche jeweils eine und welche zwei erste Klassen eröffnet. Die Grenzen der Schulbezirke bleiben dauerhaft erhalten, womit auch Planungssicherheit  für die Eltern gewährleistet ist. Auf diese Weise könnte auch in Wurzen auf Dauer eine Fünfzügigkeit und damit moderate Klassenstärken gesichert werden. In der Beratungsvorlage der Verwaltung ist diese Variante jedoch nicht enthalten.

Die Debatte über die künftigen Grundschulbezirke findet im Rahmen der Kulturausschusssitzung am kommenden Mittwoch, dem 17.05.2017 statt, die Sitzung beginnt um 18:30 Uhr im Stadthaus, Tagesordnung und Sitzungsunterlagen sind über das Ratsinformationssystem abrufbar.

Quelle Schülerprognose: Ratsinformationssystem Stadt Wurzen, Stadtratssitzung vom 08.06.2016, Anlagen zu TOP 12

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