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„Jeder ist Mensch“ – Reaktionen nach Übergriff

Von am 12. Dezember 2015

Die Nachricht hat wohl die meisten Wurzener betroffen gemacht: Laut Mitteilung der Polizeidirektion Leipzig wurden am Mittwoch in der Pestalozzi-Oberschule fünf Flüchtlingskinder von deutschen Mitschülern angegriffen. Die Kinder besuchen seit einigen Wochen in Wurzen eine DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache). Bereits im Vorfeld ereigneten sich mehrere verbale und körperliche Übergriffe, die immer vom gleichen Personenkreis einiger Achtklässer ausgegangen sein sollen.
Am Mittwoch eskalierte die Situation so sehr, dass ein Mädchen aus Mazedonien eine Knochenabsplitterung im rechten Arm erlitt, ein weiteres mazedonisches Mädchen erlitt Quetschungen am Arm, beide Kinder mussten notärztlich versorgt werden. Drei weitere betroffene Kinder blieben zum Glück unverletzt. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Dass das Motiv für die Übergriffe Ausländerfeindlichkeit ist, gilt als wahrscheinlich, zumindest sollen die betreffenden Schüler aus rechtsgerichteten Elternhäusern stammen. Wie die Polizeidirektion Leipzig betont, sei Schule jedoch kein Ort, wo eine mögliche rechtspolitische Gesinnung die Norm bestimmt. Dies werde auch daran deutlich, dass sächsische Bildungsagentur, Schulleitung und Polizeidirektion Leipzig nicht gewillt seien, dem Heranwachsen einer neuen Generation dumpfer Jungnationaler tatenlos zuzusehen, nur weil die Eltern es möglicherweise tolerieren oder gar honorieren. Die Schule werde zeitnah über mögliche Konsequenzen entscheiden.

Weder die Pestalozzi-Oberschule noch die Stadt Wurzen wollen die Gewalt in ihren Reihen dulden. In einer Presseerklärung der Stadt heißt es dazu: „Wir sind schockiert und verurteilen das Geschehene auf das Heftigste. Den verletzten Kindern und deren Eltern gilt unser Mitgefühl. Wir versichern, dass sich sowohl die Mitarbeiter der Schule als auch der Stadt gegenüber den gewaltbereiten Schülern  deutlich positionieren. Gewalt, egal von wem sie ausgeht, ob sie rassistisch oder anders motiviert ist, wird weder übersehen noch geduldet werden.“

„Nach meinem Gespräch mit dem Schulleiter bin ich überzeugt, dass dieser Vorfall ernste Konsequenzen haben wird.“, sagt Oberbürgermeister Jörg Röglin und fügt hinzu, dass die Stadt fest hinter den Entscheidungen der Schulleitung und der Bildungsagentur steht. „Von einer Resignation der Lehrer und der Schulleitung kann keine Rede sein.“

In der kommenden Woche soll der Dialog zwischen den Familien, die in den Vorfall verwickelt sind, gesucht werden. Die Polizei hat Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitet, die Eltern der verletzten Mädchen erstatteten Anzeige.

Für die Schule – für Wurzen – ist der Vorfall ein schwerer Rückschlag. In den vergangenen Wochen war das Bemühen um Schutzsuchende in Wurzen groß: so gibt es beispielhafte Netzwerke für die Integration (hinsichtlich Unterbringung, Deutschunterricht, Patenschaften), eine Kleiderkammer  für Flüchtlinge wurde eröffnet, in der  die Asylsuchenden neben Kleidung auch Möbel, Küchengeräte etc. erhalten. Sportvereine laden zum „mitmachen“ ein. „Um die Bürokratie zu verringern, klinken sich Ämter der Stadt ein und unterstützen z. B. bei der Anmeldung von Kindern in Kitas und Schulen. Wir haben derzeit über 200 Flüchtlinge in unserer Stadt und sind sehr erfreut über das Engagement unserer Wurzener“ so Röglin.

Am Schulgebäude der „Pesta“ haben Schüler inzwischen auf Transparenten ihre Meinung zu den Vorfällen öffentlich gemacht: „We say no to racism“ (Wir sagen nein zu Rassismus) und „Jeder ist Mensch“.

 

Aktualisiert 18.12.2015, 23:00 Uhr: Nach Gesprächen mit den Beteiligten hat die Schulleitung nach Sächsischem Schulgesetz Strafen gegen fünf Beteiligte verhängt. Diese reichen von Verweisen bis zum Schulausschluss.

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